Niko Paech: Befreiung vom Überfluss

26 Sep

Befreiung vom  Überfluss
Er gilt als einer der vehementesten Kritiker unseres Wachstumsdenkens und wurde in Deutschland bekannt nicht nur durch seine streitbaren Aussagen als Ökonom und Ökologe, sondern auch durch seinen konsequenten Lebensstil: kein Auto, kein Flugzeug, kein Handy. Die Rede ist von Niko Paech, Inhaber eines „außerplanmäßigen Lehrstuhls für Produktion und Umwelt“ an der Universität Oldenburg und Vorsitzender der Vereinigung für Ökologische Ökonomie. In seiner Streitschrift „Befreiung vom Überfluss“ hat Niko Paech seinen Ansatz einer Postwachstumswirtschaft und deren Begründung in kompakter und zugleich amüsant zu lesenden Form zusammengefasst. Gleich zu Beginn benennt der Ökonom seine Grundüberzeugung: „Dieses Buch dient einem bescheidenen Zweck. Es soll den Abschied von einem Wohlstandsmodell erleichtern, das aufgrund seiner chronischen Wachstumsabhängigkeit unrettbar geworden ist.“ Paech setzt auf die Ausbreitung eines neuen Verständnisses von Lebensqualität: „Wer sich elegant eines ausufernden Konsum- und Mobilitätsballastes entledigt, ist davor geschützt, im Hamsterrad der käuflichen Selbstverwirklichung orientierungslos zu werden.“ Die „Kunst der Reduktion“ bedeute somit auch Angstfreiheit, die auf Peak Oil und die nächsten Finanzkrisen gelassener zugehen lasse. Denn, so der Autor seinen Ansatz zusammenfassend: „Souverän ist nicht, wer viel hat, sondern wer wenig braucht.“ Das Resümee des Rezensenten: Ein kurzweilig zu lesendes Buch, dessen Tragweite womöglich erst erkannt wird, wenn sich weitere Krisen einstellen. Hans Holzinger
Am 7. Oktober 2013 wird der Autor sein Buch in einer gemeinsamen Veranstaltung mit der Leopold-Kohr-Akademie in der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen (Robert-Jungk-Platz 1/Imbergstr. 2) vorstellen. Beginn: 19.30 Uhr

Buchrezension aus „Pro Zukunft“ 2012/2

Dreifache Entgrenzung – Effizienz als Selbsttäuschung
Paech geht von der These aus, dass Versuche, die vielen materiellen Errungenschaften einer „Abfolge von Effizienzfortschritten oder anderweitiger menschlicher Schaffenskraft zuzuschreiben“, eine „Selbsttäuschung“ seien. Der Autor spricht von einer dreifachen Entgrenzung, auf der unser derzeitiger Wohlstand und Effizienzglaube basiere: der Entgrenzung von den eigenen körperlichen Fähigkeiten („mit Hilfe ganzer Heerscharen von Energiesklaven“), der Entgrenzung von den in unmittelbarer Reichweite vorhandenen Ressourcen („mittels globaler Wertschöpfungsketten“) und jener von den Möglichkeiten der Gegenwart („mit Hilfe von Verschuldung“, S. 57). Die vermeintliche Effizienz der industriellen Arbeitsteilung setze enorme physische Entgrenzungsvorgänge und eine Plünderung der Natur voraus: „Die Transkationen zwischen den zerlegten Produktionsstufen dehnen sich in alle Himmelsrichtungen aus. Infrastrukturen und Transporte nehmen zu.“ (S. 30) Das Wesensprinzip des Konsumierens bestehe daher darin, „sich die von anderen Menschen an anderen Orten geleistete Arbeit und insbesondere den materiellen Ertrag andernorts verbrauchter Ressourcen und Flächen zunutze zu machen“ (S. 37) Unser Wohlstand sei genau genommen weder „erarbeitet“ noch „verdient“ (S. 36). Die moderne Produktion ähnle vielmehr „einem Verstärker, der ein minimales menschliches Signal in eine donnernde Symphonie von Energie- und Materialumwandlung übersetzt“ (S. 46) Diese „monströse Delegationsmaschinerie“ führe jedoch zu einem „Bequemlichkeitsfortschritt“, zu einer „Bequemokratie“, in der „die Drecksarbeit“ auf andere abgewälzt wird. Und Ziele wie die Abbremsung des Klimawandels in weite Ferne rücken. Niko Paech geht davon aus, dass jeder Erdenbürger nur 2 t CO2 im Jahr ausstoßen dürfte, um das anvisierte vorhaben, die globale Erwärmung auf maximal 2 Grad zu begrenzen.

„Fremdversorgungsyndrom“
Das „Fremdversorgungsyndrom“ (S. 64) habe auch die Geldabhängigkeit, genau genommen die „Schuldgeldabhängigkeit“ erhöht, da Wachstum immer mehr über Schulden finanziert würde. Genauso wie ein Heroinabhängiger wider besseres Wissen den Dealer schütze, steige beim Geldabhängigen „mit zunehmendem Konsumniveau die panische Angst davor, dass die geldspeiende Wachstumsmaschine auch nur ins Stocken gerate könnte“ (S. 66). Dieser Sachzwang beherrsche den Manövrierspielraum nachhaltiger Entwicklung: „Sie steht immer unter dem Vorbehalt, das geldbasierte Wohlstandsmodell nicht anzutasten“ (ebd.).
Paech warnt daher vor dem Glauben an Ökoeffizienz, da diese in der Regel zu weiterem Ressourcenverbrauch an anderer Stelle führe („Reboundeffekte“). „Grünes Wachstum“ habe Tücken, da auch „grüne Technologien“ Ressourcen verbrauchen wie etwa Elektroautos, Photovoltaikanlagen oder Wärmedämmungen, die irgendwann auch entsorgt werden müssten. Der Autor spricht hier von „Nebenwirkungen innovativer Entkopplungslösungen“ (S. 78) Kritik übt er auch an der „Objektorientierung“ des Nachhaltigkeitsdiskurses, wenn dieser von „ökologischen Produkten“ spricht. Denn nachhaltig könnten allein Lebensstile sein, nie Produkte oder Dienstleistungen. Und „Greenwashing“ von Unternehmen oder auch von Konsumenten sei da nicht weit. „Die Strahlkraft nachhaltiger Konsumsymbolik soll das weniger nachhaltige Andere, welches vom selben Individuum praktiziert wird, kaschieren oder kompensieren.“ (S. 98) Nachhaltigkeitsbemühungen, die sich an der „Subjektorientierung“ vorbeischummeln, seien daher nicht nur überflüssig, sondern schädlich: „Sie reproduzieren die Schizophrenie einer Gesellschaft, deren Nachhaltigkeitsziele nie lauter bekundet wurden und deren Lebenspraktiken sich nie weiter davon entfernt haben.“ (S. 101)

Möglicher Ausweg
Wo sieht der Autor nun den Ausweg? Allgemein gesagt: In der „Rückkehr zur Sesshaftigkeit und zum menschlichen Maß“ (S. 56). Im Detail wäre dies eine Wirtschaft, die sich wieder auf die Region konzentriert, also eine „Ökonomie der Nähe“ (S. 114f), die auf mehreren Prinzipien basiert: Transparenz („Produktnachfrager“ sind dabei zugleich die „Kapitalgeber“ ihrer Produzenten), Empathie (durch „soziale Einbettung der Ökonomie“), Interessenskongruenz (hohe Zinsansprüche würden ja höhere Preise bedeuten) sowie Verwendungskontrolle (lokales Kapital als Förderer ihrer eigenen ethischen Orientierung).
Der industrielle Komplex in einer de-globalisierten Ökonomie würde zurückgebaut, neue Unternehmensformen sowie regionale Währungen sollten sich ausbreiten, zudem würde der Bereich des Selbermachens, der Eigenarbeit und Selbstversorgung an Bedeutung gewinnen. Die Verlängerung der Nutzungsdauer, Gemeinschaftsnutzung sowie Eigenproduktion würden eine radikale Verringerung der Ressourcenflüsse ermöglichen, Instandhalter, Reparaturdienstleister, Renovierer, Umgestalter und Ökodesigner als wichtige neue Unternehmen etabliert.

Die 20-20-Stunden-Woche als neues Ziel
Paech skizziert eine Postwachstumsökonomie, in der die bisherige Norm von 40 Erwerbsarbeitsstunden aufgeteilt würde auf 20 Stunden Arbeit im monetären und weitere 20 Stunden im entkommerzialisierten Bereich. Die Einbindung in die globale Ökonomie würde auf eine Restkategorie reduziert: „Unternehmensformen, die durch ihre institutionelle Struktur, räumliche Nähe und überschaubare Größe so entwickelt werden können, dass sie sich nicht an maximaler Rendite, sondern an unmittelbarer Bedürfnisbefriedigung orientieren, sind mit globaler Verflechtung kaum vereinbar.“ (S. 118)
Als flankierende Maßnahmen fordert Paech über Finanztransaktionssteuern hinaus die Umsetzung der „Vollgeld-Konzeption“, also die „Beendigung jeglicher Bankengeldschöpfung“ und die „Wiederherstellung des staatlichen Vorrechts“ auf die „schuldenfreie In-Umlauf-Bringung neu geschöpften Geldes durch öffentliche Ausgaben“, die Förderung von Regionalwährungen sowie eine Bodenreform, die Bodennutzer als Pächter, nicht Eigentümer betrachtet! (S. 135) Nicht zuletzt müsste der Erziehungs- und Bildungssektor „entrümpelt“ werden. Denn in den begüterten Mittelschichtfamilien, erst recht in allen Bildungseinrichtungen „trainieren wir jungen Menschen Praktiken des Überflusses und einer globalen Mobilität an, die ökologisch ruinöser sind als alles, was vorherige Generationen sich jemals erlauben konnten“ (S. 138). Notwendig sei die Verankerung einer Nachhaltigkeitsbildung als „Pflichtfach“ (ebd.)
Resümee: Ein kurzweilig zu lesendes Buch, dessen Tragweite womöglich erst erkannt wird, wenn sich weitere Krisen einstellen. Hans Holzinger

Paech, Niko: Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. München: ökom, 2012. 155 S. € 14,95 [D] 15,40 [A], sFr 17,90 ISBN 978-3-86581-181-3

„Wer im 21. Jahrhundert nicht einmal in der Lage ist, sein eigenes Leben im Hinblick auf globale Übertragbarkeit zu reflektieren, kann niemals zur nachhaltigen Entwicklung, geschweige denn zur Postwachstumsökonomie beitragen.“ (N. Paech S. 138)
„Was in der Medizin eine bekannte Tatsache ist, gilt für Konsum und Mobilität nicht minder: Eine Substanz, deren Einnahme in geringer Menge eine heilende Wirkung entfaltet, kann bei zu hoher Dosis zum lebensbedrohenden Gift werden.“ (Paech, S. 127)
„Eine Reduktion des fremdversorgungsgrades kann von der regional- über die Lokal- bis hin zur Selbstversorgung, also Subsistenz reichen.“ (Paech S. 113)
„Die überaus schädlichen Subventionen entpuppen sich zumeist als verzweifelter Versuch, eine Wachstumsmaschine in Gang zu halten, die sonst nicht mehr funktionsfähig wäre.“ (Paech S. 136)

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2 Antworten to “Niko Paech: Befreiung vom Überfluss”

  1. walterfriedmann September 28, 2013 um 10:15 am #

    Hat dies auf Ökologie und Gerechtigkeit rebloggt.

Trackbacks/Pingbacks

  1. Volles Haus bei Niko Paech | Robert Jungk 100 - Oktober 8, 2013

    […] An die Grenzen der Kapazität kam die Robert-Jungk-Bibliothek bei der Präsentation des neuen Buches von Niko Paech. zweieinhalb Stunden lang wurde über “Befreiung vom Überfluss” diskutiert. Wer mehr wissen will über das Buch: Hier ist die Rezension aus der Zeitschrift der JBZ (“Pro Zukunft”). […]

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