Der Visionär und die Sackgasse des Nuklearismus

10 Mai

In Erinnerung an den 100. Geburtstag von Robert Jungk

Robert Jungk war ein Visionär und Utopist. Viele seiner Vorschläge sind noch nicht oder nur in Nischen umgesetzt – etwa grüne Städte, lebendige Schulen, humane Arbeitsplätze oder eine Demokratie der Bürger und Bürgerinnen. In einem könnte der Zukunftsforscher und Anti-Atom-Aktivist jedoch Recht behalten, nämlich in seiner Prognose, dass die Atomtechnologie sich als Sackgasse herausstellen wird. Eine Analyse von Hans Holzinger

In einem Interview mit Wolfram Huncke, dem ehemaligen Chefredakteur von bild der wissenschaft, meinte Jungk einmal, dass die Atombombe wahrscheinlich nicht gebaut worden wäre, wenn die Wissenschaften von Beginn an der demokratischen Kontrolle unterstellt gewesen wären. Der Wahrheitsgehalt dieser Aussage lässt sich freilich nicht überprüfen – die Geschichte ist gelaufen. Sie bestätigt aber Jungks tiefe Überzeugung, dass die Bürger und Bürgerinnen frühzeitig in den Entwicklungsprozess neuer technischer Erfindungen eingebunden werden sollten und dass sie die Letztentscheidung darüber haben müssten. Durch sein publizistisches und politisches Engagement hat Robert Jungk dazu beigetragen, dass Fragen der Naturwissenschaften und Technik zu öffentlichen Fragen geworden sind. Bereits seine ersten Bücher „Die Zukunft hat schon begonnen“, „Heller als tausend Sonnen“ und „Strahlen aus der Asche“ widmen sich der bislang wohl folgenreichsten Erfindung in der Menschheitsgeschichte, der Spaltung des Atoms. Als einer der ersten Nicht-Physiker begreift der Wissenschaftspublizist Robert Jungk das Zerstörungspotenzial, das im „Griff nach dem Atom“ liegt.

Jungk zitiert in seinen Büchern eine Vielzahl an Studien, doch die Kraft seiner Reportagen liegt in den anschaulichen Schilderungen und Eindrücken dessen, was er selbst sieht und wahrnimmt. Eine Fähigkeit, die auch Jungks spätere Bücher auszeichnen wird und wohl deren Erfolg ausmacht. Er gibt der Macht und den von ihr Betroffenen ein Gesicht, in dem er Menschen in den Mittelpunkt stellt – Protagonisten sowie scheinbare Statisten, etwa die Physiker in den Atomlabors, die selbst durchaus von Zweifel geplagt werden, oder die Arbeiter in Atomkraftwerken, denen keineswegs nur wohl ist in ihrer Haut, die ebenso Opfer des Nuklearismus sind wie die Anwohner von havarierten Atomkraftwerken. Und selbstverständlich gibt Jungk all jenen eine Stimme, die besorgt sind über diese Form von „Fortschritt“, den der Autor mehrmals als „Fortsturz“ bezeichnet und der durch das „menschliches Maß“ einer „humanen Technik“ ersetzt werden müsse. Und er hat damit Wirkung erzeugt.

Während die politischen Eliten der Atommächte die Entwicklung von immer besseren Atomwaffen der Bevölkerung für lange Zeit als notwendiges Übel im Sinne eines „Gleichgewichts des Schreckens“ zu vermitteln versuchten, hat Robert Jungk mit seinen warnenden Büchern und seinem Engagement in der Bewegung für eine atomwaffenfreie Welt sehr früh eine Gegenmacht zu diesem (Irr-)Glauben mit aufgebaut. Und die weltweiten Friedensbewegungen hatten durchaus Erfolg: auch wenn wir von einer atomwaffenfreien Welt nach wie vor weit entfernt sind und das Risiko neuer Nuklearmächte weiterbesteht, so rühmt sich heute kein Staat mehr seiner nuklearen Erstschlagsdoktrin – von Nordkoreas irrwitzigem Diktator einmal abgesehen, dessen Drohungen aber wohl nicht ernst zu nehmen sind.

 

„Dein Freund das Atom?“

Auch der sehr naive Glaube an die schier unbegrenzten Möglichkeiten der zivilen Nutzung der Atomenergie hielt nicht lange. Im Jahr 1955 wurden in einer UN-Konferenz namens „Atoms for Peace“ die segensreichen Wirkungen der Nuklearenergie beschworen. Walt Disney pries in einem im Auftrag der US-Regierung erstellten Fernsehfilm „Dein Freund das Atom“ die Harmlosigkeit dieser neuen Technologie und das anlässlich der Weltausstellung 1958 in Brüssel errichtete Atomium – eine übergroße Nachstellung eines Atommodells – galt als Symbol für den Weg in eine neue Moderne. Das Fachmagazin der deutschen Atomwirtschaft prognostizierte zu dieser Zeit, dass Deutschlands Strom bereits in einigen Jahren zu 80 Prozent aus Atomkraft stammen würde, so der Umwelthistoriker Joachim Radkau.

Ernüchterungen traten ein, nachdem Ende der 1950er-Jahre die ersten AKWs in Betrieb gingen. Die Energiegewinnung daraus gestaltete sich schwieriger und kostspieliger als erwartet. Die 1960-Jahre galten jedoch dem weiteren Ausbau der Atomenergienutzung. Nach dem Bekanntwerden größerer Unfälle in Atomkraftwerken – 1979 kam es zu einer Beinahe-Kernschmelze im US-AKW Harrisburg – stieg freilich die Ablehnung in der Bevölkerung. Besonders stark war diese in der BRD, wo das Atomprogramm aufgrund von Protesten durch die sich ausbreitende Anti-Atomkraft-Bewegung nur begrenzt umgesetzt werden konnte. Whyl, Brokdorf oder Gorleben gelten als erste Orte des Widerstands.

Dennoch hielten Regierungen, Wirtschaftsverbände und die Atomindustrie am Weg der Kernenergienutzung fest. Mit Blick auf die ersten Ölkrisen, die vielen noch durch die „autofreien Sonntage“ in Erinnerung sind, wurde der Energiekollaps beschworen, sollte auf diese Option „verzichtet“ werden. Doch in der Bevölkerung stieg die Skepsis. Auch wenn der Widerstand gegen Atomenergie von Nation zu Nation unterschiedlich stark war – in der „Atom-Nation“ Frankreich konnte dieser etwa nie nennenswerte politische Wirkung entfalten –, begann die Atomfront zu bröckeln.

1978 wurde in Österreich – nach Irland dem zweiten Land weltweit – per Volksabstimmung die Nutzung der Atomenergie untersagt. Das bereits gebaute AKW Zwentendorf durfte nicht in Betrieb gehen. Der Super-GAU – größtmöglicher anzunehmender Unfall – im sowjetischen Atomkraftwerk Tschernobyl am 26. April 1986 gab der Anti-AKW-Bewegung erneut Auftrieb. 1988 fiel nach Gorleben auch das Projekt einer atomaren Wiederaufbereitungsanlage im bayerischen Wackersdorf – unter maßgeblicher Unterstützung des Widerstands auch auf österreichischer Seite, etwa der Salzburger Plattform gegen Atomgefahren.

Mit der Kernschmelze im japanischen AKW Fukushima im März 2011 in Gefolge eines Erdbeben-Tsunamis wurde der internationalen Atomlobby ein neuer Tiefschlag versetzt. Deutschland fasste den endgültigen Ausstiegsbeschluss. Es folgten die Schweiz, Belgien und Taiwan. In Italien wurde per Volksabstimmung der von Silvio Berlusconi angestrebte Wiedereinstieg ver­eitelt.

Kein Erfolg beschieden war bislang den Protesten gegen die AKWs an der tschechischen, slowakischen und slowenischen Grenze. Doch spätestens nach dem „Auslaufen“ dieser Reaktoren in etwa zwei Jahrzehnten kann sich auch in diesen Ländern das Blatt rasch wenden.

 Ökonomische Sackgasse

Denn jenseits der Sicherheitsrisiken und der ungelösten Problematik der Endlagerung von radioaktivem Material – allein in Deutschland fallen 18.000 Tonnen hochradioaktiver Müll an –  wird aber auch das finanzielle Debakel der Atomindustrie immer deutlicher. Aktuelle Studien belegen, dass diese ohne massive öffentliche Förderung nie überlebensfähig gewesen wäre. 430 AKWs waren Anfang 2013 weltweit in Betrieb, sechzehn weniger als 2002, dem Höchststand der globalen AKW-Dichte. Neue AKWs werden heute nur mehr in Schwellenländern gebaut. Der Anteil der Atomenergie am weltweiten Stromverbrauch macht gerade mal 11 Prozent aus, bezogen auf den Gesamtenergieverbrauch sind es nur 2 Prozent, so der Welt-Statusbericht Atomindustrie 2012. Die Energieexperten des Jahrbuchs Globale Trends 2013 stellen folgende Rechnung an: Um den Anteil der Atomenergie bis zum Jahr 2030 auch nur konstant zu halten, müssten bei einer prognostizierten Verdoppelung des Stromverbrauchs etwa 900 Reaktoren installiert sein. „Dies würde bedeuten, dass sich nach den gängigen Risikoabschätzungen für Kernkraftwerke heutigen Typs weltweit etwa alle zwölf Jahre ein schwerer Störfall ereignen würde.“  Bedenkt man, dass Atomkraftwerke etwa eine Laufzeit von 20 Jahren aufweisen und die Investitionen in neue Anlagen offensichtlich alles andere als rentabel sind, so ist abzusehen, dass die Atomtechnologie in den nächsten Jahrzehnten weiter an Bedeutung verlieren wird – über dies sind auch die Uranvorräte begrenzt.

 Robert Jungks Vermächtnis

Robert Jungk warnte früh vor dieser „lebensfeindlichen Energie“. „Mit der technischen Nutzbarmachung der Kernspaltung wurde der Sprung in eine ganz neue Dimension der Gewalt gewagt“, schreibt er in „Der Atomstaat“ „Zuerst richtete sie sich nur gegen militärische Gegner. Heute gefährdet sie die eigenen Bürger. Denn »Atome für den Frieden« unterscheiden sich prinzipiell nicht von »Atomen für den Krieg«.“

Der Bedeutungszenit der Atomenergie scheint überschritten – dennoch werden weiterhin ungeheure Forschungsmittel in die Atomenergienutzung gesteckt. Die neue Hoffnung lautet Atomfusion: im französischen Cadarache wird in einem internationalen Konsortium am ersten Fusionsreaktor gearbeitet – mit Millionen an öffentlichen Mitteln. Und die vielerorts beschworene Energiewende, der Aufbruch in ein Solarzeitalter, auf den Robert Jungk ebenfalls sehr früh hoffte, wie sein posthum erschienenes „Sonnenbuch“ zeigt“, hat noch nicht wirklich Fuß gefasst. Die Richtungsentscheidung für die Erneuerbaren Energieträger ist trotz hehrer Proklamationen und toller Einzelprojekte noch lange nicht gefallen, was allein der Umstand zeigt, dass nach wie vor bedeutend mehr Mittel in die Entdeckung und Förderung fossiler Energieträger gesteckt werden als in die Energiequellen der Sonne.

Widerstand gegen den Nuklearimus und das Engagement kritischer Bürger und Bürgerinnen für eine tatsächliche Energiewende sind daher weiterhin geboten. Darin liegt wohl das zentrale Vermächtnis von Robert Jungk für das 21. Jahrhundert.

 Hans Holzinger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Robert-Jungk-Stiftung in Salzburg und Autor des Buches „Sonne statt Atom. Robert Jungk und die Debatten über die Zukunft der Energieversorgung von den 1950er-Jahren bis heute“, das 2013 als Begleitbuch zu der von ihm kuratierten Ausstellung „Robert Jungk: Weltbürger und Salzburger“ im JBZ-Verlag erschienen ist. Das von Walter Spielmann herausgegebene „Sonnenbuch“ von Robert Jungk ist im Salzburger Otto-Müller-Verlag erschienen.

 

Mehr: www.robertjungk100.org sowie www.jungk-bibliothek.at/publikationen.htm

 

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