Earth Overshoot Day – was ist das und wen kümmert er?

26 Aug

Oder: Zur Notwendigkeit einer verordneten Nachhaltigkeit und einer Re-Regionalisierung des Wirtschaftens

Am 22. August waren die nachwachsenden Ressourcen dieses Jahres aufgebraucht, warnt das Global Footprint Network. Doch kaum wer nahm Notiz vom „Earth Overshoot Day“. Um zu einer wirksamen Umsteuerung in Richtung Nachhaltigkeit zu gelangen, brauchen  wir verbindliche Regeln, die für alle gelten, meint Hans Holzinger von der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen. Lernen aus Einsicht allein wird nicht reichen!

Wissenschaftler des Global Footprint Network berechnen jährlich den Ökologischen Fußabdruck der Staaten sowie der Welt insgesamt. Erfasst wird der Naturverbrauch und der CO2-Ausstoß („Klimafußabdruck“) für die Bereiche Ernährung, Wohnen, Mobilität sowie den Konsum von Gütern und Dienstleistungen. Dem wird die „Biokapazität“ gegenübergestellt, also das, was auf der Erde in einem Jahr nachwächst. Der „Earth Overshoot Day“, auf Deutsch „Welterschöpfungstag“, markiert nun  jene Schwelle, an der in einem Jahr die nachwachsenden Ressourcen aufgebraucht sind. Danach leben wir sozusagen auf Pump.

Am 22. August war es dieses Jahr soweit. Der Ökologische Fußabdruck ist ein taugliches Umweltmaß und eine notwendige Ergänzung zum BIP, um den Naturverbrauch bewusst zu machen. Doch aufklärende Instrumente allein schaffen noch nicht die notwendige Wende. Dafür brauchen wir verbindliche Regeln, die ökologisches Verhalten vorschreiben, und Anreize, die dieses  zumindest belohnen statt es zu bestrafen – etwa durch Mehrkosten. Daher ist die Politik gefordert. Appelle an die Vernunft allein werden nicht reichen.

Wann lernen Gesellschaften?

Dies sieht auch Manfred Linz vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie so. „Unsere langfristigen Interessen so ernst zu nehmen wie unsere kurzfristigen Interessen und unsere gemeinsamen Interessen wichtiger zu nehmen als unsere Einzelinteressen“, nennt Linz als zentrale Lernherausforderung in der heutigen Weltgesellschaft. Doch der Ökologe traut dem Warten auf die Einsicht aller nicht. Er sieht vier Motivationsmöglichkeiten für Veränderung und Lernen. Erstens die „Aussicht auf Gewinn“ – in unserem Falle auf nicht materiellen, da nur dieser ökologisch verträglich wäre. Lernen hieße in diesem Sinne auch „verlernen“ und sich auf ein „Weniger“ einzustellen, daraus werde jedoch nie eine „Mehrheitsbewegung“. Lernen würden wir zweitens aus „Angst vor Verlust“, hier vor allem vor Verlust unserer Lebensgrundlagen. Doch noch spüren wir die ökologischen Verwerfungen zu wenig, was als Handlungsimpuls daher ebenfalls nicht reicht. Und auch der „soziale Antrieb“, zum Wohlergehen der Gesellschaft bzw. der Menschheit beitragen zu  wollen, werde keine Mehrheiten erreichen. So setzt Linz vor allem auf die  „Einsicht in die Unausweichlichkeit der Veränderung“ und führt hierfür als Bedingungen an, dass die abverlangten Veränderungen „einsichtig begründet“ sein und „alle nach ihrer Leistungsfähigkeit treffen“ müssten.

Linz ist aber Realist genug und glaubt nicht an allein freiwillige „Einsicht in die Unausweichlichkeit“. Die wichtigen Entscheidungen zur Zukunftsfähigkeit könnten von aktiven Gruppen der Zivilgesellschaft vorbereitet werden, sie würden die ganze Gesellschaft aber nur erreichen, wenn sie politisch durchgesetzt werden. Der Experte spricht daher von „verordneter Nachhaltigkeit“. Erst durch entschlossenes politisches Handeln, also einen gestaltenden Staat  werde sich nachhaltiges Wirtschaften und Konsumieren durchsetzen lassen.

Pioniere des Wandels und der gestaltende Staat

Eine Sichtweise, die auch der der Wissenschaftliche Beirat für Globale Umweltveränderungen der Deutschen Bundesregierung (WBGU) in seiner Studie „Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“ vertritt. Als zentrale Akteure macht der WBGU „Pioniere des Wandels“ aus, die von „Nischenakteuren“ zu „Agenda Settern“ werden und damit die Nische verlassen und „Breitenwirksamkeit durch gesellschaftliche Routinisierung“ erlangen könnten. Dem „gestaltenden Staat“ käme dabei die Aufgabe zu, die Nischenakteure zu unterstützen und Rahmenbedingungen für den Wandel zu schaffen. Vorgeschlagen werden u. a. Klimaverträglichkeitsprüfungen für Gesetze und öffentliche Projekte, die konsequente Bepreisung von CO2 oder die Förderung nachhaltiger Energiedienstleistungen in Entwicklungs- und Schwellenländern.

Im Versprechen auf einen Wohlstand der Entrümpelung mit weniger Naturverbrauch und höherer Lebensqualität liegt durchaus Veränderungs- und auch Befreiungspotenzial, worauf bereits vor einem Jahrzehnt eine internationale Forschergruppe in der Studie „The Great Transition“ verwiesen hatte.  Als „Pressure“-Faktoren für den Wandel wurden etwa ein stressiges und gehetztes Leben oder der drohende Verlust von Entscheidungsfreiheit ausgemacht. Als „Sog“-Faktoren galten den Autoren und Autorinnen damals der Wunsch nach einem sinnerfüllten, selbstgewählten Leben, eine Ethik der Mitverantwortung oder die Hoffnung auf mehr Zeit für persönliche Dinge sowie der Wunsch nach Nähe zur Natur. Sich auf den Wunsch nach anderen Lebensstilen zu verlassen, wäre jedoch riskant. Strukturelle Veränderungen, die das „Sollen“ zum „Müssen“ machen sind geboten. Dazu zählt auch ein Paradigmenwechsel in den Wirtschaftswissenschaften hin zu Postwachstumsperspektiven.

Vom Schuldenmachen und der Bepreisung der Natur

So müssen wir nach Manfred Linz auch lernen, „das Wohlergehen der Einzelnen wie der Gesellschaften unabhängig vom Wirtschaftswachstum zu suchen“. Zudem hätten wir zu erkennen, dass Probleme durch den Einsatz höherer Finanzmittel, also durch Geld schöpfen und Schulden machen, nicht mehr gelöst werden können. Dies nicht „als ein Verhängnis zu sehen“, sondern als Chance, würde die Transformation beschleunigen. Im Grunde bräuchten wir globale Kontingentierungen für Ressourcen sowie für Treibhausgase. Da dies international schwer durchsetzbar ist, müssen aber zumindest wieder Ressourcensteuern auf das politische Parkett. Der indische Ökonom Chandran Nair, der in seiner Studie „Der große Verbrauch“ vor der Ausweitung des „Konsumkapitalismus“ auf Asien als ökologische Zeitbombe warnt, bringt es auf den Punkt: „Die Umwelt, in der wir leben, und die Ressourcen, die sie zur Verfügung stellen, haben ihren Preis. Die große Umwälzung wird also sein, dass Dinge, die wir lange für nichts oder fast nichts bekommen haben, plötzlich einen Wert erhalten.“

Wenn die nachhaltige Umsteuerung nicht rechtzeitig gelingt und danach sieht es derzeit aus, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Weltwirtschaft in eine längere Schrumpfungsphase eintritt. Richard Heinberg vom Post Carbon Institute in Santa Rosa (Kalifornien) gilt als Begründer der „Peak Everything“-These. Er vertritt die Auffassung, dass die Menschheit in Bezug auf die Bevölkerungsgröße und den Ressourcenverbrauch einen auf Dauer nicht haltbaren Gipfelpunkt erreicht habe und ihr Weg von nun an meistens abwärts führen werde – mindestens für die nächsten Jahrzehnte, bis sie gelernt hätte, mit den begrenzten Ressourcen der Erde zu leben. Die Weltwirtschaft würde von einer Phase des Wachstums in eine Phase der Schrumpfung eintreten, sobald Kohle, Öl und Erdgas nicht mehr billig verfügbar seien. Dass sowohl die Weltwirtschaftsleistung als auch der Welthandel seit 2008 zurückgegangen sind, sieht Heinberg als eindeutige Signale. Und für China, dem derzeit fast einzigen Wachstumsmotor, prophezeit der Experte den Abschwung in spätestens zwei Jahrzehnten, wenn der Energiehunger durch heimische Kohle nicht mehr genügend befriedigt werden könne. „Die Lage beim Erdöl ist so ernst, dass sie eigentlich täglich Schlagzeilen machen sollte. Tatsächlich jedoch erregt sie kaum Aufmerksamkeit“,  meint Heinberg irritiert.

So gesehen machte es durchaus Sinn, sich auf Szenarien der Schrumpfung einzustellen und an krisenfesteren Wirtschaftsstrukturen mit stärkerer Regionalorientierung und Eigenarbeitsanteil zu feilen. Auf diese Weise könnten „Inseln des Übergangs“ entstehen, die wie der Postwachstumsökonom Niko Paech meint, den Aufprall nach Zuspitzung der Krisen vermindern und das „Fremdversorgungssystem“ zurückbauen. Eine Ökonomie der Nähe mit nur bedingter Weltmarktintegration wäre dann das Ziel, Energie- und Ernährungssouveränität wären zentrale Kriterien. Diese Transformation ins postfossile und nicht mehr vom Finanzmarkt getriebene Wirtschaften hin zu mehr Regionalität und Sesshaftigkeit geht nicht von heute auf morgen, aber es kann heute begonnen werden – an vielen Orten unter Mitwirkung von vielen.

Quellen:

Global Footprint Network: www.footprintnetwork.org/de/index.php/GFN/page/earth_overshoot_day/

Manfred Linz: Wie lernen Gesellschaften – heute? Zur Verwirklichung politischer Einsichten oder: Abschied vom Wunschdenken. Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie [Impulse zur WachstumsWende; 4] Februar 2012. 31 S. Download: www.wupperinst.org

Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation. Hrsg. v. WBGU, Berlin: Eigenverl. 2011. Download: www.wgbu.de

Great Transition. Umbrüche und Übergänge auf dem Weg zu einer planetarischen Gesellschaft. Hrsg. v. Paul Raskin u.a. Frankfurt/M: Institut für sozialökologische Forschung, 2003.

Chandran Nair: Der große Verbrauch. Warum das Überleben unseres Planeten von den Wirtschaftsmächten Asiens abhängt. München: Riemann 2011.

Richard Heinberg: Jenseits des Scheitelpunkts. Aufbruch in das Jahrhundert der Ressourcenerschöpfung. Leipzig: Edition Sonderwege bei Manuscriptum , 2012.

Niko Paech: Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. München: ökom 2012.

Hans Holzinger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der
Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Nachhaltigkeit, neue Wohlstandsmodelle, Zukunft der Arbeit und sozialen Sicherung, globale Gerechtigkeit. Vortrags-, Publikations- und Seminartätigkeit; Lehrauftrag an der Alpen-Adria Universität Klagenfurt. Mitherausgeber der Zeitschrift „pro Zukunft“.
Mehr: www.jungk-bibliothek.at2012 ist sein Buch „Neuer Wohlstand. Leben und Wirtschaften auf einem begrenzten Planeten“ (JBZ-Verlag) erschienen. https://neuerwohlstand.wordpress.com
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