Was kommt nach dem Wachstum?

21 Aug

Hans Holzinger, Autor von "Neuer Wohlstand. Leben und Wirtschaften auf einem begrenzten Planeten".Was kommt nach dem Wachstum?

Nicht nur die ökologischen Grenzen, sondern auch die realwirtschaftliche Daten legen die Auseinandersetzung mit einer Postwachstumswirtschaft nahe, meint der Nachhaltigkeits­forscher Hans Holzinger und stellt die Frage: Was kommt nach dem Wachstum?

Unser Wohlstand hat uns viele Annehmlichkeiten beschert. Wir können uns vieles leisten, was für unsere Vorfahren unvorstellbar war. Doch dieser Wohlstand wirft Schatten: Die Mehrzahl der Menschen ist nach wie vor von ihm ausgeschlossen, immer mehr drohen hinauszufallen. Und bei denen, die der Wohlstand einschließt, steigt der Stress. Zudem basiert das System auf Schulden. Wir leben auf Pump – ökologisch und finanziell. Eine Postwachstumsperspektive könnte Entlastung bringen und als Befreiungsschlag wirken wider das Beschleunigungskarussell.

Welche ökonomischen Parameter sind zu berücksichtigen?

Zunächst gilt es zu unterscheiden zwischen linearem und prozentuellem Wachstum. Prozentuelles Wachstum bedeutet exponentielles Wachstum: Das „mehr“ soll immer noch mehr wachsen. Ein Ding der Unmöglichkeit. Vorgegaukelt wird ein falsches Bild. Ein Prozent Wachstum gilt in der Regel bei Wirtschaftsforschern als „schwaches Wachstum“. Doch: Ein Prozent Wirtschaftswachstum in einem reichen Land entspricht etwa 10 Prozent in einem Schwellenland oder 30-50 Prozent in einem armen Land. Reiche Volkswirtschaften brauchen daher nicht mehr oder nur mehr linear wachsen.

Zudem ist wieder nach dem grundsätzlichen Ziel von Wirtschaften zu fragen. Dieses liegt in der Befriedigung des menschlichen Bedarfs an Gütern und Dienstleistungen. Es geht darum, uns ein gutes Leben zu ermöglichen. Nun sagt uns die Zufriedenheitsforschung, dass sich ab einem gewissen materiellen Niveau Lebensqualität und Wirtschaftswachstum entkoppeln – das BIP kann weiter wachsen, doch die Lebenszufriedenheit stagniert. Gründe dafür gibt es mehrere. Die Anspruchsfalle etwa: Je mehr wir haben, umso mehr wollen wir dazu. Oder die Vergleichsfalle: Wir wollen haben, was andere auch haben und treiben uns in unseren Ansprüchen nach oben, ohne dadurch zufriedener zu werden. Für Lebenszufriedenheit brauchen wir also offensichtlich kein Wirtschaftswachstum mehr.

Aber was ist mit der Finanzierung der Sozialleistungen sowie der Hintanhaltung von Arbeitslosigkeit? In der Tat erfordert Wirtschaften ohne Wachsen ein Umverteilen des Vorhandenen: an Erwerbsarbeit durch kluge Modelle der Arbeitszeitverkürzung; an Produktivitätsfortschritten durch stärkere Heranziehung der Vermögenden zur Finanzierung der Sozialleistungen. Ein zukunftsfähiger Wohlstandskuchen erfordert nicht nur neue, nachhaltige Ingredienzien, sondern auch eine bessere Verteilung der Kuchenstücke. Das hat nichts mit der Ablehnung des Leistungsprinzips zu tun. Im Gegenteil: es rückt dieses vielmehr ins rechte Licht. Denn niemand kann das 200-fache eines anderen leisten, die Einkommensspreizungen bewegen sich jedoch in diesen Sphären. Überdies sind  Gesellschaften mit weniger Ungleichheit auch zufriedener und gesünder. Die Kriminalitätsraten sinken, die Integrationsleistungen steigen, wie die britischen Sozialforscher Kate Picket und Richard Wilkinson in „Gleichheit ist Glück“ herausgefunden haben.

Was soll weiter wachsen? Kapitalismus ohne Wachstum?

Eine Wirtschaft, die nicht mehr wächst, bedeutet freilich nicht, dass gar nichts mehr wächst. Wachsen sollen Dinge, die wir wirklich brauchen: Energie- und Mobilitätssysteme, die auch nach Peak Oil Bestand haben und dem Klima nicht weiter einheizen, oder lebensdienliche Einrichtungen wie gute Kindergärten, attraktive Schulen und Universitäten, die menschliche Entwicklung fördern. In ökonomischen Begriffen: Wachsen kann der „öffentliche Konsum“, der „private Konsum“ könnte durchaus schrumpfen – denn nicht alles, was wir kaufen, ist dem Leben zuträglich. Und Wirtschaftsentwicklung heißt immer auch Strukturwandel – überdimensionierte Banken, Dinosauriertechnologien wie Autos mit Verbrennungsmotoren oder Kraftwerke mit Kohle- oder Stromstrom können durchaus verschwinden.

Bleibt die Frage, ob Kapitalismus ohne Wachstum möglich ist – in der Tat die Gretchenfrage. Wirtschaften im Kapitalismus basiert auf einer Rollenteilung: Die einen haben Geld und geben dieses für Investitionen in der Erwartung auf Rendite. Die anderen produzieren damit Werte – als Unternehmer ebenso wie als Arbeitnehmer. Liegen die Zinserwartungen der Gläubiger über den Wachstumsraten, so entsteht ein Problem. Der produzierte Mehrwert reicht nicht mehr aus, um Geldgeber, Unternehmer und Arbeitnehmer befriedigend zu entlohnen. Verschärfend wirkt das Ansteigen der Rohstoffpreise sowie der Defensivkosten – auch die Natur gibt es nicht kostenlos! Der renommierte Ökonom Hans Christoph Binswanger spricht daher von einer „Wachstumsspirale“, geht aber davon aus, dass 1,5 Prozent Wachstum weltweit reichen, um der Deflation, d. h. dass Unternehmen aufhören zu investieren, zu entgehen. Gelenktes Wachstum wäre jenes, das Mittel dorthin leitet, wo tatsächlich Bedarf besteht. Und den gibt es – eine Milliarde Menschen leidet an Hunger, ist ausgeschlossen von funktionierender Wasserversorgung oder Elektrizität. Voraussetzung für dieses gelenkte Wachstum wäre „dienendes Geld in einer vernetzten, solidarischen Weltgesellschaft“.

Als Maßnahmen hierfür sind etwa zu nennen:

–    die Begrenzung der Finanzmarktgewinne und die Unterbindung von Finanzspekulation;

–    die Finanzierung von nachhaltigen Entwicklungsprojekten durch Weltsteuern auf CO2, Rüstungs- und Finanzgeschäften wie dies die Global Marshall Plan Initiative fordert;

–    der weltweite, offene Zugang zu Wissen und Knowhow;

–    die Etablierung neuer, weniger auf Fremdkapital und Renditen an­gewiesener Unternehmensformen nach Stiftungs- und Genossenschaftsrecht;

–    die Zurückdrängung der privaten und öffentlichen Verschuldung als falsche Wachstumsmotoren;

–    die Verkürzung der Wertschöpfungsketten und damit der Abhän­gigkeiten von Zwischenfinanzierungen;

–    damit zusammenhängend die Ausweitung der Regionalwirtschaft, die unabhängiger von internationalem Kapital macht und der Auf­bau von Regionalwährungen

–    sowie generell die Zurückdrängung der Geldökonomie durch Kon­sumbegrenzung in den reichen Ländern, ermöglicht durch Ausweitung des Selbermachens und gemein­schaftlicher Arbeit in Tauschbeziehungen.

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