Neuer Wohlstand. Kultur des Genug. Zentrale Thesen

13 Aug

Unser Wohlstand wirft Schatten

Unser Wohlstand hat uns viele Annehmlichkeiten be­schert: die Zeiten der Knappheit sind überwunden, die Zahl der Güter mit denen wir uns umgeben ist enorm gestiegen. Wir können uns vieles leisten was für unsere Vorfahren noch unvorstellbar war. Zu­gleich hat der materielle Wohlstand einen Ausbau der Sozialsysteme ermöglicht und wesentlich zur Stabilisierung der Demokratie beige­tragen.

Doch dieser Wohlstand wirft Schatten. Kurz gesagt hat er drei große Mängel. Die meisten Menschen sind noch immer von ihm ausgeschlossen.  Reichtum wird angehäuft bei den Habenden statt Mittel dort verfügbar zu machen, wo sie wirklich gebraucht werden. Der ehemalige UN-Sonderbericht­erstatter für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler, spricht von einer „kannibalischen Weltordnung“. Obwohl genügend Nahrungsmittel vorhanden wären, leidet eine Milliarde Menschen an Hunger. Alle drei Sekunden stirbt ein Kind, weil es nicht genug zu essen bekommt. Da ist es nicht abwegig, von modernem Kannibalismus zu sprechen.

Angesichts des Hungers und der Not von Millio­nen von Menschen in der gegenwärtigen Weltgesellschaft ist klar von Marktversagen zu sprechen, angesichts des rasanten Aus­ein­an­derdriftens von Vermögen­den und Armen auch von Politikversagen. Und angesichts des weit­gehenden Hinnehmens dieser Schieflage – von engagierten Menschen in der Zivilgesellschaft, in Regierungen oder internationalen Organisationen einmal abgesehen – auch von Gesellschaftsversagen.

Die industrielle Produktionsweise basiert zweitens auf einer irreversiblen Ausbeutung der Naturrohstoffe sowie einer schleichenden Degradation der Ökosysteme – die Bodenfruchtbarkeit sinkt, in trockenen Regionen werden die Wasservorräte knapp, der Ausstoß an Treibhausgasen heizt dem Klima ein. Unsere Art des Wirtschaftens ist daher maßlos und nicht nachhaltig – inklusive des fossilen, nicht auf Dauer angelegten Energiesystems. Wir „besetzen“ in anderen Erdteilen fruchtbare Böden, etwa für den Anbau von Futtermitteln, die an unsere Masttiere verfüttert werden, um unseren übermäßigen Fleischhunger stillen zu können. Der Güterreichtum ist „erkauft“ durch die Ausbeutung von Arbeitskräften weit weg von uns, die zu Billigstlöhnen unsere Billigwaren herstellen. Mit der Produktion der Industriegüter wurden auch die damit verbundenen Umweltbelastungen ausgelagert. Ulrich Beck spricht von „weltinnenpolitischem Outsourcing“.

Doch Zufriedenheit mag sich auch in den reichen Ländern nicht so recht einstellen.Denn der Wohlstand erzeugt drittens auch bei denen, die er einschließt, permanent Stress. Wir arbeiten immer mehr, der Leistungsdruck steigt. Stressbedingte Krankheiten nehmen zu.

Als viertes kommt nun hinzu, dass der Kapitalismus offensichtlich nur mehr „funktioniert“ mit exorbitanter öffentlicher Verschuldung – nach dem Motto „Privatisierung der Gewinne – Sozialisierung der Folgen“. Die Staaten verschulden sich, die Konzerne und Finanzjongleure machen weiterhin satte Gewinne.

Gefährliche Hyperaktivität

In Gesellschaft, Wirtschaft und Politik sind wir konfrontiert mit permanenter Beschleunigung. Aktivität ist Trumpf. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben bzw. der Markt. Es scheint als beweg­ten wir uns in einem Dauerzustand der Hyperaktivität. Nichtstun wirkt verdächtig, Leere darf nicht sein. Geschäftigkeit wird vorgetäuscht – und doch bewegt sich nichts. Wir befinden uns im rasenden Stillstand. Die ergriffenen Maßnahmen erscheinen nicht selten als hilfloses Zappe(l)n. Politik verkommt zum Reparaturbetrieb, nicht selten zur kosme­tischen Fassade. Selbstberuhigung ist angesagt.

Dies gilt wohl auch für die „Bewältigung“ der Finanzkrise, die – zumindest bislang – außer mehr Schulden wenig Substanzielles gebracht hat. Grundlegend neue Weichenstellungen zur Eindämmung des Spekulations­karusells sind ausgeblieben.

Es wird zwar viel über Nachhaltigkeit und Klimaschutz gesprochen. Doch es klafft eine große Lücke zwischen Nachhaltigkeitsrhetorik und der Realität der Nachhaltigkeitspolitik bzw. des Nachhaltigkeitshandelns.

Bewegungen wie Biologischer Landbau, Fairer Handel oder Sanfte Mobilität haben einiges zum Bewusstseinswandel beigetragen. Nachhaltigkeit ist in aller Munde und mit dem „ökologischen Konsum“ hat diese auch die Wirtschaft erreicht. Doch noch beschränkt sich das „nachhaltige Verhalten“ freilich auf individuelle Minischritte. Wir beruhigen unser Gewissen, indem wir eine Solarzelle aufs Dach montieren oder auf weit gereiste Lebensmittel verzichten. Unternehmen mutieren zu „Ökovorreitern“ und publizieren dicke Nachhaltigkeitsberichte. Reale Nachhaltigkeitspolitik ist dabei von „Greenwashing“ nicht immer zu unterscheiden – alle Ressourcenverbrauchstrends weisen nach wie vor stark nach oben!

Postwachstumsgesellschaft

Ein Taxifahrer erzählte mir einmal auf dem Weg zum Veranstaltungssaal, nachdem ich ihm vom Thema meines Vortrags – „Neue Bilder von Wohlstand“ – berichtet hatte, folgende Geschichte: Der Sohn fragte seinen Vater, wie viel er in einer Arbeitsstunde verdient. Nachdem dieser ihm den Betrag genannt hatte, legte der Sohn dem Vater sein monatliches Taschengeld auf den Tisch und bat ihn,  die entsprechenden Stunden mit ihm zu verbringen.

Die Geschichte mag überzogen wirken, doch der Taxilenker hatte begriffen, worum es im Vortrag ging. Neue Bilder von Wohlstand und von dem, was ein gutes Leben ausmacht, sind also gefragt. Politik, Wirtschaft und BürgerInnen sind angehalten, sich auf ein anderes Verständnis von Wachstum – oder sagen wir es direkt – auf eine Postwachstumsgesellschaft einzustellen.

Ein weiteres Drehen an der Konsumspirale könnte zwar einer drohenden Rezession entgegenwirken, sie wäre jedoch ökologisch problematisch und würde auch – glaubt man Ergebnissen der Zufriedenheitsforschung – nicht zu mehr Lebensqualität führen. Abgesehen von jener Gruppe der (Zu)Gering-Verdienenden, die in der Tat das Recht auf höhere Einkommen haben, sind nicht mehr Geld und Güter knapp. Die neuen Knappheiten lauten Zeit und Aufmerksamkeit. Menschen sind nicht primär Konsumenten, sondern soziale Wesen. Und Sozialkontakte brauchen Zeit.

Kultur der Verortung

Ein neuer Wohlstand für alle auf einem begrenzten Planeten erfordert einen tiefgreifenden Wandel auch in kultureller Hinsicht: Wir brauchen eine Kultur der Inklusion, die niemanden ausschließt. Das ist aus ethi­schen Gesichtspunkten geboten, letztlich aber auch volks­wirtschaftlich klüger. Wir brauchen zweitens eine neue Kultur der Verortung, die dem permanenten Unterwegssein sowie der fortwährenden Ausweitung der Aktionsradien die Fähig­keit des Verweilen-Könnens so­wie eine Raumordnung der kurzen Wege entgegenstellt. Angesagt ist eine neue Sesshaftigkeit. Das nahende Ende des fossilen Zeitalters legt diese ebenso nahe wie der um sich greifende Stress der modernen Großstadtnomaden. Und wir brauchen schließlich eine Kultur des Genug, die die Befriedigung der Grundbedürfnisse wieder ins Zentrum rückt und den Men­schen als ganzheitliches, auf soziales Miteinander ange­wiesenes Wesen begreift.

Wachsen sollen nicht mehr die Güterströme, sondern frei verfügbare Zeit sowie Tätigkeiten, die Sinn geben. Wir brauchen nicht noch mehr Unterhaltungsangebote, sondern Freiräume für Muße und gastliche Orte, die Gemeinschaft entstehen lassen. Wir brauchen auch nicht noch mehr Sensationsjournalismus, der das Bedürfnis nach kurzfristiger Erregung befriedigt, sondern Wissen, das klug macht und zum gemeinsamen Handeln führt. Es geht um Konzentration, nicht um Zerstreuung und Ablenkung.

Erkennen des „Genug“

Lebensstile moderner Genügsamkeit bedeuten nun kein Zurück in die Steinzeit, auch wenn Forschungen zur „Stone Age-Economy“ gezeigt haben, dass die Menschen im Steinzeitalter wahrscheinlich weniger gearbeitet haben als wir heute. Sie bedeuten auch kein Zurück in die Knappheit oder Kargheit der agrarisch-feudalen Gesellschaft. Lebensstile moderner Genügsamkeit zielen auf das rechte Maß, auf das Erkennen des „Genug“. So geht es nicht nur darum, dass (ökologisch) Richtige zu tun, sondern auch um das Weniger, um die „Kunst des Unterlassens“, wie Marianne Gronemeyer meint.

„Als sie die Orientierung verloren, verdoppelten sie ihre Marsch­geschwindig­keit“ – diese Aussage Mark Twains vor mehr als hundert Jahren ist heute wohl aktueller denn je. Es geht also um die Ziele, um die Frage, wo wir eigentlich hinwollen.

Scheinbar unausweichlichen Sachzwängen ausge­setzt, hat uns eine große Verzagtheit erfasst. Wir haben den Mut verloren, Neues zu denken. Wir werden beherrscht vom TINA-Syndrom: „There is no alternative“ – diese Botschaft lähmt unser Denken und Handeln. Der Philosoph Peter Sloterdijk empfiehlt, uns „eine Denk­pause für Grundlagenfragen zuzugestehen“. Gönnen wir sie uns!

Hans Holzinger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen (JBZ) in Salzburg. Der vorliegende Text basiert auf seinem Buch „Neuer Wohlstand. Leben und Wirtschaften auf einem begrenzten Planeten“.

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Eine Antwort to “Neuer Wohlstand. Kultur des Genug. Zentrale Thesen”

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  1. Blog – Postwachstum - Juli 28, 2014

    […] Wachsens nachzudenken. Im Sinne der Integrativen Wirtschaftsethik von Peter Ulrich heißt das, eine Kultur des Genug-haben-Könnens zu praktizieren. Selbsterhaltung und Selbstbegrenzung stehen damit in einem wichtigen […]

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